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Lebendige Steine Eine Klarstellung zuerst: es sind keine…
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- Lebendige Steine Eine Klarstellung zuerst: es sind keine Kopfsteine, unsere geliebten Schlackesteine! (Nur Roboterkarikaturen bekamen und bekommen manchmal immer noch würfelförmige Köpfe aufgesetzt.) Kopfsteine sind aus Granit und dergleichen, nicht aber doch die sagenhaften einstmals 10 Millionen an Schlackensteinen, die noch vor der Wende zum 20. Jahrhundert in der damals aufstrebenden Industrie- und Handelsmetropole Leipzig verlegt worden waren. Das war zu einer Zeit, als praktisch aller Transport noch mit Pferdefuhrwerken und -kutschen vonstatten ging - ohne Luftbereifung. Damit fingen damals gerade erst die Fahrräder an, nämlich mit Ballon- oder wenigstens Halbballonbereifung. Klar, tischeben wird mit Steinen kein Weg. Aber es schuckelte auf Kupferschlackesteinen gewiß nicht mehr so sehr, wie wir es heute noch sehr rustikal in der Thomasiusstraße erleben können: dort liegt wirklich Kopfsteinpflaster (und da darf es meinetwegen auch noch ewig weiter liegenbleiben). Ob sich unsere Vorväter, die anscheinend irgendetwas Nützliches mit dem Abprodukt der Kupferverhüttung anfangen wollten, vorgestellt hatten, daß diese markanten millionenfachen Würfel so eine lange Zeit würden überdauern können? Wenn man sie nur gelassen hätte?! Denn inzwischen muß ich überlegen, wo sie noch überdauert haben. Hah! Ich weiß, auf dem kurzen Könneritzstraßenstück gleich an der Konneritzbrücke, da hat man welche gelassen. Da gab es vor Jahren einen Unfall, hatte ich gelesen, ein Polizeiauto krachte dort gegen andere Autos. Denn unsere geliebten Würfel können aber sowas von rutschig sein. Bewegte Massen, gefahrene Geschwindigkeiten und ausgeübte Kräfte, die heute zur Anwendung kommen, konnte man sich 1895 kaum vorstellen, fürchte ich, und die absehbare abnutzungs- und wetterbedingte Polierung irgendwann einmal hat man weiland vermutlich schulterzuckend hingenommen. Jedenfalls kann ich mich noch plastisch erinnern, wie ich selbst, gerade mal vor ca. 15 Jahren, genau dort vor der einstmaligen Karl-Heine-Villa mit dem Fahrrad hingekracht bin - es war dunkel und naß - bis heute mein vorläufig letzter Sturz vom Rad. Dabei hätte ich es wissen können: die Nonnenstraßé, einst in Gänze Schlackenstein-gepflastert, war noch in den Achtzigern und Neunzigern für mich eine Autofahrstrecke, wo ich mit dem Trabant auch im Sommer Winterfahrübungen machen konnte. Es war selbst bei (staubiger) Trockenheit derart rutschig, ich konnte mühelos so bei 20 oder 30 Stundenkilometern im 2. Gang einfach mal auf 40 beschleunigen - und zuverlässig drehten dabei die Vorderräder wie auf Eis durch! Ok, klingt fahrlässig und waghalsig, aber erstens waren damals die Straßen viel leerer, und zweitens blieb ich dabei sehr vorsichtig. Aber ein prickelndes Eisglätte-Gefühl hatte ich dabei immer. Wobei: die Art von Kupferschlackensteinen, in deren Gußform man auf den Boden gemahlenen Steinsplitt geworfen hatte, blieben rau. Das wissen wir heute, damals im 19. Jahrhundert wird man es aber schon geahnt haben, daß es mal so kommt. Waren bestimmt auch etwas teurer als die ohne initiale Aufrauung. Jedenfalls waren die später spiegelglatt gewordenen Kubusse in der Mehrzahl und blieben es bis heute. Ob heute ein Amt Listen führt, wieviele von den 10 Millionen noch verlegt geblieben sind? Und wo sind die Millionen an Steinen eigentlich hinverbracht oder endgelagert worden, nachdem man sie seit den Neunzigern eigentlich bei jeder Straßensanierung hat verschwinden lassen? Unter Umständen gibt es Lagerhäuser, in denen wir, fein aufgestapelt, Unmengen der Würfel vorfinden? So in Pyramidenform. Na gut, Schüttkegel würden mir auch reichen. Jedenfalls galten unsere Lieblinge einstmals als fortschrittliches Material im Straßenbau. Radial- oder gar Stahlgürtelreifen waren noch nicht erfunden, wie die dazugehörigen Autos ebenso nicht. Denn die mögen es heute tischeben, wie auch RadlerInnen auf Sporträdern. Schlackenstreine, auch sehr ordentlich verlegt, lassen Stahlgürtelreifen poltern (und die leiseren und belastbareren, aber nicht ganz so griffigen Diagonalreifen findet man fast nur noch an Rädern von Campinganhängern, wenn überhaupt). Fahrgeräusche im urbanen Bereich sind heutzutage allerdings nicht wenigen ZeitgenossInnen ein Ärgernis geworden, man weiß nicht genau warum. Sind es die Hörbücher oder Podcasts, die sich die Leute während ihres Aufenthaltes im Freien nicht mehr ungetrübt reinziehen können? Sind es die Berichte, daß Lärm grundsätzlich krank mache, die man immer wieder liest? Sind es, ganz abseits vom Lärm, die Baufirmen, deren Umsatz- und Gewinnvorstellungen die Handhabung von Schlackensteinen generell zuwider läuft, denen aber das Lärmargument in die Karten spielt? Denn die wenigen Leipziger Straßen, die noch damit gepflastert sind, etwa die Menckestraße, erfahren keine vernünftige Reparatur, kaputte Steine werden nicht einfach mit dem Preßlufthammer entfernt und dann punktuell ausgetauscht, da wird, wenn überhaupt, auf den kaputten Stein Teer draufgegossen (was für ein Frevel!). Die Emilienstraße, die 2023 ihren Kupferschlackensteinbelag einbüßte, wurde auf 275m für 1,4M€ saniert - zehntausende Steine verschwanden dabei für immer. Und so war es jahrzehntelang schon gegangen, auf einer Straße nach der anderen. Mit "Ich möchte gern ein Holperstein / In einer Pflasterstraße sein." beginnt der Dichter Peter Hacks sein kurzes Gedicht "Tagtraum" aus dem Jahr 1998. Ein Holperstein ist einer unter vielen Pflastersteinen, der nicht ganz richtig verlegt wurde, oder sich umstandshalber aus der Raster herausgehoben hat. An diese beiden, etwas aus dem Zusammenhang gerissenen Zeilen von Hacks denke ich oft, wenn ich zum Beispiel durch die (pflastermäßig vernachlässigte) Menckestraße radle, oder sonstwo noch auf den schönen Würfeln fahre oder trete. Tischeben ist immer nur von kurzer Dauer. Lebendige Steine sind von Dauer. Und Holpersteine bleiben die Ausnahme.
- Stadtbezirk / Ort:
- Schleußig
- Schlagworte:
- Pflaster Asphalt Granit DDR Geschichte Erinnerung Erbe Mobilität Sensorik Weg Infrastruktur Steinindustrie Steinhandel
- Straße:
- Könneritzstraße
- Eingereicht am:
- 2026-06-16
- Beitragstyp:
- Text
- Breitengrad:
- 51.32948
- Längengrad:
- 12.346422
Attribution
- Citation:
- "Lebendige Steine Eine Klarstellung zuerst: es sind keine…", Leipziger Pflastergeschichte/n, Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO), https://pflastergeschichten.leibniz-gwzo.de/items/pflaster_786379354.html